Erstaufnahme und Clearingstelle

Tag für Tag wird die Liste der Neuankömmlinge auf das Genaueste aktualisiert: Kinder und Jugendliche jeden Alters, Jungen wie Mädchen, manchmal auch minderjährige Mütter mit ihren Kindern. Flüchtlinge aus dem Irak, aus Guinea, aus Vietnam, Tschetschenien, Bangladesch oder „Herkunftsland unbekannt“. Die jungen Menschen sind minderjährige Flüchtlinge, kommen ohne Eltern und klingeln an der Tür zur Erstaufnahme- und Clearingstelle (EAC) im Süden Berlins – die meisten als sogenannte Selbstmelder. Sie finden in den beiden Einrichtungen der FSD-Stiftung eine erste Obhut und eine Anlaufstelle zur Klärung ihrer Situation.

Jederzeit zur Aufnahme bereit

In vielen Heimatländern der jungen Flüchtlinge und Asylsuchenden herrschen humanitäre Krisen und Armut, Krieg, Bürgerkrieg und/oder politische Verfolgung. Die Kinder und Jugendlichen fliehen aus dieser Bedrohung oder werden von der Familie in die vermeintliche Sicherheit geschickt, suchen in Deutschland Schutz und eine bessere Zukunft. Sie mussten Familie und Freunde zurücklassen oder wurden von ihnen auf der Flucht getrennt. Völlig mittellos, oft unzureichend bekleidet, ohne Essen – allenfalls mit einer Plastiktüte in der Hand – und nur auf sich gestellt, treffen sie in einer für sie fremden Großstadt ein – nicht selten traumatisiert durch die Flucht und die Verhältnisse im Heimatland. Die EAC-Stellen der Stiftung zur Förderung sozialer Dienste sind rund um die Uhr besetzt und jederzeit bereit, eingereiste ausländische Kinder und Jugendliche in Obhut zu nehmen. Denn planbar ist ihre Ankunft nicht.

Maximal 110 Plätze

Die EAC-Hauptstelle verfügt über 75, im äußersten Notfall über zusätzliche vier, die Außenstelle über 35 Plätze. Voraussetzung für die Aufnahme ist, dass die jungen Menschen alleine und unbegleitet nach Deutschland gekommen sind; sich tatsächlich in Berlin aufhalten oder Berlin als Asylsuchende zugeteilt wurden und sie schutzbedürftig sind. Dies wird in einem Erstaufnahmegespräch geklärt, das die Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft im Beisein einer Psychologin der Stiftung vor Ort führt. An drei Tagen in der Woche werden diese Gespräche geführt. Die EAC verfügt dazu über einen Pool an Sprachmittlern; denn kaum jemand der Neuankommenden – mehrheitlich zwischen 15 und 17 Jahre alt – spricht Deutsch.

Dreimonatiges Clearingverfahren

Das maximal dreimonatige Clearingverfahren zur Legalisierung des Aufenthaltes beginnt mit täglichem Sprachunterricht, der auch zum Einführen und Kennenlernen dient, einer Gesundheitsuntersuchung, dem obligatorischen TBC-Test und der Untersuchung durch eine Schulärztin. Hiernach wird entschieden, ob das Mädchen oder der Junge zur Grundschule oder in die Förderklasse der Johann-Thienemann Schule in Zehlendorf kommt – eine besondere Herausforderung auch für die dortigen LehrerInnen: weder wird in den Klassen Deutsch noch eine andere einheitliche Sprache gesprochen, der Bildungsstand ist völlig unterschiedlich, die Fluktuation enorm; denn spätestens alle drei Monate wechseln die SchülerInnen wieder. Von diesen Rahmenbedingungen ist auch die gesamte Arbeit der Clearingstellen geprägt.

Ein neues Leben in Berlin

Auf die Mitarbeiter der EAC kommt mit jedem jungen Menschen eine Fülle administrativer Aufgaben zu, aber auch und vor allem eine Mitverantwortung für die jungen Menschen. In den drei Monaten ihres Aufenthaltes bemüht sich das pädagogische Team, ein Vertrauensverhältnis aufzubauen und die jungen Menschen auf ihr neues Leben in Berlin vorzubereiten.

Hauptanliegen ist es, durch stationäre Krisenintervention ihre akute Gefährdungs- und Krisensituation zu beenden. Dazu gehören die Inobhutnahme und die Versorgung mit den notwendigsten Dingen (Erstaufnahme), danach steht die Klärung der Lebensumstände und -perspektiven (Clearing) im Vordergrund: Die Suche nach den Eltern, ggfs. Bestellung eines Vormundes und Kontakt mit denselben sowie mit Jugendämtern und Nachfolgeeinrichtungen und die gemeinsame Planung der zukünftigen Unterbringung. Welche Hoffnungen, Wünsche und Vorstellungen haben die Betreuten? Und wie können diese in die weitere Jugendhilfeplanung einfließen? Die vorsorgende und akute Gesundheitsfürsorge unterstützt die körperliche und seelische Gesundung der Minderjährigen. Für eine erfolgreiche Integration ist das Erlernen der deutschen Sprache notwendig – ein hausinterner Deutschkurs bis zur Einschulung in eine weiterführende Bildungsstätte ist verpflichtend.

Ein geregelter Alltag in der Fremde

In den Häusern selbst sorgt ein gut strukturierter Alltag weitestgehend für Ruhe und Harmonie. Die meisten Bewohner sind mit Überleben und Neuorientierung beschäftigt und weniger mit kriminellen Ideen oder Konfrontationen, wie das Vorurteil oft lautet. Fast alle wohnen in Einzelzimmern, die einfach aber funktional mit eigenem Kühlschrank eingerichtet sind. Geschwister oder Bewohner gleicher Nationen werden auch in Doppelzimmern einquartiert. Die Älteren ab 16 versorgen sich selbst, wofür sie eine „Hilfe zum Leben” pro Tag erhalten. Dazu gibt es alle zwei Wochen ein kleines Handgeld für alle sonstigen Anschaffungen wie z.B. Bekleidung. Die Kinder bis 14 Jahre werden vollversorgt. Jeder Schüler bekommt morgens ein Esspaket.

Die Gemeinschaftsküchen dienen auch der Begegnung, die oft wenige Wäsche wird regelmäßig gewaschen. In den Gemeinschaftsräumen wird Tischtennis gespielt, ferngesehen und hin und wieder gefeiert. Die Mitarbeiter der EAC machen auch außerhalb des Hauses vielfältige Freizeitangebote. Dabei muss beispielsweise ein Besuch beim Sport oder im Schwimmbad gut vorbereitet sein. Keiner der Bewohner kommt mit Sportschuhen oder Schwimmzeug zur Erstaufnahme. Dafür gibt es im Materiallager eine kleine Ausstattung, die aber längst nicht ausreicht bei der hohen Fluktuation. Die Kinder verlassen das Haus nicht alleine. Und morgens werden alle zur Schule geweckt. Das Miteinander erfordert Regeln, Akzeptanz und Kommunikation. Und meistens funktioniert es.

Das EAC-Team

Das EAC-Team besteht in beiden Einrichtungen aus insgesamt 54 MitarbeiterInnen, darunter zum Teil muttersprachliche ErzieherInnen und SozialarbeiterInnen, die im Kontext der interkulturellen Pädagogik arbeiten. In sieben Gruppen arbeiten fünf Sozialarbeiterinnen, vier Sozialarbeiter, 18 Erzieherinnen und 20 Erzieher. Sie verfügen über Sprachkompetenzen von Arabisch über Kurdisch bis Vietnamesisch.

Rund ein Jahr braucht es, bis die neueingestellten ErzieherInnen SozialarbeiterInnen neben ihrer Kernkompetenz alle Aspekte eines Clearingverfahrens erfasst haben und zum Wohle des Betroffenen fehlerfrei anwenden können. Gremienarbeit in Fachverbänden sowie Fortbildungsmaßnahmen wie „Interkulturelle Kommunikation“ oder „Zwischen Asylrecht und Jugendhilfe“ sind auch von entscheidender Bedeutung für die Arbeit. Traumatisierten Kindern und Jugendlichen steht im Haus ein Psychologe zur Verfügung. Durch regelmäßige Qualitätsdialoge zwischen dem Auftraggeber Land Berlin, hier also der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft, und dem EAC-Team wird die Qualität der Arbeit überprüft und bestätigt.

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